Rede

Junge Menschen in der Pandemie

Björn Fecker hielt in der 26. Sitzung der Bremischen Bürgerschaft am 06.05.2021 eine Rede über die Situation von Jugendlichen und Kindern in der Pandemie und Ziele für die kommenden Monate.

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Präsident,

fehlender Unterricht, fehlende Kontakte mit Freund*innen und Mitschüler*innen, fehlende Abwechslung, kaum bis kein Sport, die Liste, sie ließe sich noch deutlich verlängern. Nein, meine Damen und Herren, Kinder haben es in Corona-Zeiten nicht nur nicht leicht, sie gehören sicherlich zu den am stärksten Betroffenen dieser Pandemie.

Junge Menschen haben unfassbar viel entbehrt und waren in dieser Krise sehr, sehr solidarisch. Über einen sehr, sehr langen Zeitraum. Deswegen ist es richtig und wichtig, die Situation von Kindern und Jugendlichen sowie die Auswirkungen noch stärker im Rahmen eines Kindergipfels in den Blick zu nehmen.

Wir müssen sie im Handeln des derzeitigen Krisenmanagements gesondert im Blick haben, aber auch die möglichen negativen Folgen größtmöglich bekämpfen. Das ist unsere verdammte Pflicht und es ist ein gutes Zeichen, dass dies nun auch in einem Antrag aller fünf Fraktionen der Bürgerschaft zum Ausdruck kommt.

Mit dem Antrag geht es uns explizit nicht darum, zurück zu schauen, sondern die Langzeitfolgen in den Blick zu nehmen. Wenn schon diese Pandemie die Erwachsenenwelt so schwer trifft, wie muss es da um Kinder und Jugendliche stehen. Alles, was wir dazu aus der Wissenschaft wissen, sollte uns beunruhigen und zum konsequenten Handeln bringen.

Meine Damen und Herren, in Bremen haben wir von Beginn an die Situation der Kinder und Jugendlichen besonders im Blick gehabt.

Die Angebote der Jugendämter in Bremen und Bremerhaven wurden während der Pandemie konsequent weitest möglich offen gehalten. Schon früh hat der Senat in der Pandemie darüber diskutiert, dass eben das wichtig ist und u.a. die Kinder- und Jugendärzte haben betont, wie wichtig es ist, Angebot weiter zu ermöglichen.

Gemeinsam mit den Trägern der Offenen Jugendarbeit wurden neue Angebotsformen entwickelt und die aufsuchende Arbeit gestärkt. Und daher haben die Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport gemeinsam mit der Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz dafür gesorgt, dass wichtige Bereiche der Jugendhilfe im Rahmen der Impfungen als Priorität II eingestuft wurden und dort geimpft wurde und wird.

Es hat sich in Bremen und Bremerhaven bewährt, dass wir in den letzten Jahren und insbesondere auch im aktuellen Haushalt mit dem Landesprogramm Quartiere, WIN und anderen Maßnahmen, die Quartiere in den Fokus genommen und weiter gestärkt haben. Die Häuser der Familie, Mütterzentren und zahlreichen anderen Institutionen wurden weiter gestärkt, Netzwerke auf- und ausgebaut, auf die wir jetzt zurückgreifen können und die geholfen haben, die Pandemie besser zu bewältigen. Diese Akteurinnen und Akteure aus der Praxis sind es auch, auf die wir bei dem geforderten Kinder-Corona-Gipfel setzen. Sie sind nah an den Kindern und Jugendlichen und ihre Erfahrungen sind für uns ein zentraler Baustein in dem anstehenden Prozess.

Natürlich ist es ein Segen, dass wir in Bremen mit itslearning und den angeschafften iPads eine Infrastruktur (relativ schnell aufgebaut) haben, die es ermöglicht, im Distanzunterricht oder Wechselunterricht überhaupt Unterricht machen zu können und damit auch einiges zu kompensieren, mögliche psychische Folgen aus der monatelangen Distanz bzw. dem häufigen Wechsel der Unterrichtsformen können dadurch aber nur begrenzt kompensiert werden.

Meine Damen und Herren, und auch wenn wir der Staat sich noch so angestrengt hat, so kommen wir nicht umhin festzuhalten, dass das aktuelle gut und wichtig ist, aber die Langzeitfolgen eben nicht einfach dadurch vermindert werden können.

Sprachförderung als Beispiel ist in unserer Gesellschaft ein ganz wichtiger Baustein. Hier gab es schon vor der Pandemie eklatante Unterschiede, aber die Auswirkungen der Corona-Zeit dürften gravierend sein. Individuelle Erfolge und Fortschritte früherer Zeiten dürften mit diesem nun langen Zeitraum zumindest rückgängig, wenn nicht gar dahin sein.

Und es ist jetzt auch richtig zu diskutieren, wenn es um die aufholende Arbeit und Bewältigung der Folgen geht, inwiefern zusätzliches psychologisch und pädagogisch geschultes Personal an den Schulen benötigt wird. Die Frage ist zu beantworten, wie wir die Ganztagsbetreuung zur positiven Entwicklung noch stärker nutzen können. Und auch bei den Ferien-Lernprogrammen geht es ja nicht nur um den ausgefallenen Stoff sondern um eine ganzheitliche Betrachtung mit mehr Bewegung und psychischer Stabilisierung.

Die WHO empfiehlt jedem Kind mindesten eine Stunde aktive Bewegung. Auch davon sind wir derzeit weit entfernt. 16 % weltweit, berichtet die WHO, erfüllt diese Zielsetzung noch in der Pandemie. Gewichtszunahme ist, aktuellen Berichten zufolge, eine weitere Konsequenz der Pandemie. Aber der Sport, das lassen Sie mich auch sehr deutlich sagen, fehlt halt nicht nur der Bewegung wegen sondern auch als Ort des Zusammentreffens, der Wertevermittlung und der Gemeinschaft. Unsere Vereine brauchen Unterstützung beim Zurückgewinnen der verlorenen Mitglieder und beim Ausbau ihrer Angebote.

Dass nun auch Jugendliche eine Perspektive auf eine Impfung haben, begrüße ich ausdrücklich. Hier muss dann aber auch mit hoher Priorität gehandelt werden. Wir wissen, dass mittlerweile auch junge Menschen erkranken, schwere Verläufe haben und unter den Langzeitwirkungen leiden.

Eine Anmerkung noch zum gestern vorgestellten Aufholpaket der Bundesregierung. Ich finde das ist ein richtiger Ansatz. Mit der Fokussierung auf Nachhilfeunterricht und Freizeitangeboten werden auch wichtige Bereiche adressiert. Spannend wird die Frage der konkreten Regularien und möglicher Flexibilität sein. Ob am Ende die zwei Milliarden wirklich ausreichen, wird man sehen müssen. Aber es macht zumindest deutlich, es ist allen politischen Entscheidungsträger*innen bewusst, dass hier gemeinsam gehandelt werden muss.

Die physischen und psychischen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche sind tatsächlich gravierend und nach Stand heute ist noch gar nicht absehbar, was da auf uns als Gesamtgesellschaft und die Kids in einer hoffentlich auch bald beginnenden Post-Corona-Zeit zukommt.

Lassen Sie mich zum Ende noch einmal die Dimensionen benennen, vor welchen ungeheuren Herausforderungen die Kinder und Jugendlichen standen und weiterhin stehen und wie gut sie dies gemeistert haben.

Was macht es mit Kindern, wenn sie über ein Jahr auch in für sie sehr bedeutenden Momenten wie Geburtstagsfeiern, Übergang von der Kita in die GS, Klassenfahrten, Partys, Schulabschluss etc. keinen dem gebührenden Rahmen im Sinne einer Feier etc. bekommen? Welche Folgen hat es, wenn gerade kleine Kinder wesentlich begrenzter gelernt haben, wie man/frau eigentlich richtig lernt? Welche Auswirkungen hat die räumliche Enge daheim und wie stark sind auch Kinder und Jugendliche vom Anstieg häuslicher Gewalt betroffen? Welche weiteren gravierenden und schlimmen Erfahrungen haben Kinder und Jugendliche mit Quarantäne, den eigenen oder den in der Familie stattgefundenen Krankheitsverläufen gemacht?

Nein, meine Damen und Herren, die Situation von Kindern und Jugendlichen in dieser Pandemie ist aus Grüner Sicht nicht geeignet für die klassischen Reflexe im parlamentarischen Betrieb. Es ist vielmehr wichtig, dass wir die Situation gemeinsam genau in den Blick nehmen und gemeinsam daran arbeiten – hier im Parlament, in der Verwaltung aber auch mit den zahlreichen Akteur*innen vom Sportverein über die Kinderärzt*innen bis zum Träger der freien Jugendhilfe.

Diese Pandemie hat gravierende Folgen für Kinder und Jugendliche, lassen Sie uns deswegen gemeinsam daran arbeiten, dass wir im Sinne ihrer Zukunft zu guten Ergebnissen und einer raschen Umsetzung derselben kommen. Es gilt der Grundsatz: Wir lassen niemanden allein.

Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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