Ehrenamt

Thema Integration: „Bewegen müssen es die Leute vor Ort“

Fußball verbindet, überwindet Sprachbarrieren, leistet viel fürs Miteinander in Deutschland. Stimmt ja alles. Doch Björn Fecker, Leiter der Kommission Gesellschaftliche Verantwortung, weiß noch einen anderen Grund, warum der Deutsche Fußball-Bund gut beraten ist, sich für die Integration stark zu machen.

„Der typische Ehrenamtler ist ein weißer Mann und definitiv über 50“, sagte Fecker in Dortmund, wohin der DFB die Sieger des Integrationspreises der vergangenen zehn Jahre eingeladen hatte. Angesichts rückläufiger Zahlen bleiben Öffnung und Förderung von Vielfalt im Verein wichtige Aufgaben. Auch in den Führungspositionen. Fecker ist Präsident des Bremer Fußballverbandes und leitet für den DFB die Kommission Gesellschaftliche Verantwortung. Der Bremer Fußballmacher kennt die Zahlen. 1,1 Millionen DFB-Mitglieder haben einen Migrationshintergrund, damit etwa jedes sechste Mitglied. Das ist stark und liegt weit über dem Anteil in den meisten anderen Sportarten. Aber nicht mal jeder zehnte Ehrenamtler im Fußball hat einen Migrationshintergrund.

Dabei ist die Stärkung des Ehrenamtes nicht der einzige Grund dafür, dass der DFB und sein Generalsponsor Mercedes-Benz den Integrationspreis verleihen. Seit 2008 wurden 1,75 Millionen Euro in Sach- und Geldpreisen an die Basis – Vereine, Schulen und Projekte – ausgeschüttet. Am Freitagabend im Fußballmuseum wurde Deutschlands höchstdotierter Sozialpreis nun schon zum zehnten Mal verliehen. Vorab hat man die 27 Sieger der vergangenen Jahre nach Dortmund eingeladen. „Zehn Jahre ist ein tolles Jubiläum. Aber natürlich war 2008 auch schon ziemlich spät“, sagt Murat Dogan von Türkiyemspor Berlin, dem ersten Preisträger überhaupt: „Der Fußball hätte sich viel früher schon der Integration widmen sollen. Und auch heute wäre noch mehr möglich.“ 27 Sieger und damit 54 vom DFB und Mercedes-Benz eingeladene Vertreter nahmen am Donnerstag und Freitag an der Konferenz „Ganz ausgezeichnet! Zehn Jahre Integrationspreis“ teil. Das Ziel: Erfahrungen austauschen.

 

Politik und der DFB können nur Rahmenbedingungen schaffen

Etwa die Erfahrung, dass geflüchtete Menschen gerne Fußball spielen, aber viele den Verein nach kurzer Zeit verlassen. Manche weil sie sich gezwungen sehen, das Land wieder verlassen zu müssen. Stefan Kunz vom saarländischen Dorfverein Blau-Weiß Gonnesweiler, der am Freitagabend neben der SG Egelsbach (Hessen) und BV Westfalia Wickede in der Kategorie Verein nominiert war und den Preis schließlich gewann, sagt: „Das hat viele Ehrenamtler bei uns gefrustet. Man investiert so viel in die Leute.“

Fußball ist die beliebteste Sportart, auch unter Flüchtlingen. Das belegen beeindruckende Zahlen. 42.000 Spielberechtigungsanträge von Ausländern wurden 2015 gestellt, vor 2013 waren es jährlich noch knapp 10.000. Es wird viel für geflüchtete Menschen im Fußball getan, die politische Entscheidung über das Bleiberecht gehört nicht zum Aufgabenbereich des Fußballs. Fecker: „Manche A-Jugend oder zweite Mannschaft bleibt wegen der Flüchtlinge im Wettbewerb.“

Ismael Öner kann begeistern und mitreißen. 2013 gewann sein Mitternachtsfußball den Integrationspreis. In Spandau nahe der berüchtigten Heerstraße, von der Berliner Polizei, als kriminalitätsbelasteter Ort eingestuft, hatte der Sozialarbeiter nachts die Turnhalle aufgeschlossen. Die Jugendlichen kamen runter von der Straße und spielten zu harten Beats aus der Jukebox die Nächte durch Fußball. Jérôme Boateng schaute vorbei, in Spandau nannten sie ihn „großer Bruder“. Öners Mitternachtsfußball wurde mit dem Bambi und anderen Preisen ausgezeichnet. „Am meisten aber wollten wir den DFB- und Mercedes-Benz Integrationspreis haben. Das ist einfach eine ganz besondere Auszeichnung“, sagt Öner.

Thomas Geiß berät die SG Egelsbach bei Integrationsfragen. Von 200 Flüchtlingen, die 2015 nach Egelsbach kamen, spielen fast 150 heute bei der SGE Fußball. Vor allem dank Geiß‘ unermüdlichem Wirken: „Ich weiß noch, wie ich das erste Mal hörte, was Schiedsrichter auf Arabisch heißt. Wir haben ein Programm mit Vokabelkärtchen entwickelt und lernen mit den geflüchteten Menschen in unserem Verein die deutsche Sprache. Wichtig ist: Politik und der DFB können nur Rahmenbedingungen schaffen. Bewegen müssen es die Leute vor Ort.“

Auch Cacau besuchte die Konferenz in Dortmund. Der 23-malige Nationalspieler, der 2010 in Südafrika für Deutschland stürmte und seit November den DFB als Integrationsbeauftragter unterstützt, sagt: „Als Profi sieht man nur, was den Fußball auf dem Platz ausmacht, während der 90 Minuten. Man denkt nicht darüber nach, was der Fußball gerade auch außerhalb des Platzes bewirken kann. Das ist mir erst in den letzten Monaten klarer geworden. Und ich bin beeindruckt vom Engagement der Menschen in den vielen Fußballvereinen.“

Der Link zum Medienbericht des DFB

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